Feministische Kurskorrekturen an Kapitalismuskritiken mit androzentrischen Ausblendungen

mit Regina Becker-Schmidt

Seit Marx ist Kapitalismuskritik maßgeblich durch die politisch-ökonomische Analyse von Ungleichheitslagen gekennzeichnet, die aus dem Privatbesitz an industriellen Produktionsmitteln und der Ausbeutung marktgängiger Arbeit resultieren. An Marx‘ Einsichten in unternehmerische Strategien, Machtfelder zu strukturieren, kommt auch feministische Herrschaftskritik nicht vorbei. Aber deren gesellschaftstheoretische Reichweise wird erst sichtbar, wenn nicht nur jene sozialen Konflikte in den Blick genommen werden, die sich im profitorientierten Umgang mit Arbeit, in einer dem Geldfetisch unterworfenen Finanzwirtschaft sowie im neoliberalen Abbau von Sozialstaatlichkeit geltend machen. Krisenherde von gleichem Gewicht treten erst in Erscheinung. wenn wir die Gefährdung eines Gemeinwesens nicht nur an der Fehlorganisation von wirtschaftlichen Kreisläufen messen, in denen Güter produziert und verteilt werden, sondern ebenso an einer politischen Ökonomie, die den Notwendigkeiten des Bevölkerungserhalts nicht gerecht wird. Dieser zweite Strang gesellschaftlicher Reproduktion, von dem die Prokreation, die Lebensqualität und die Enkulturation von Menschen abhängig ist, ist ebenso auf den Prüfstand zu stellen. Die Restitution eines Sozialgefüges kann nicht ohne tiefgreifende Risiken gelingen, wenn nicht beiden Dimensionen gesellschaftlicher Reproduktion gleiche Geltung zuerkannt wird und deren Prozesse aufeinander abgestimmt werden. Unter dieser Problemstellung wird der Frage nachgegangen, welche Bedeutung den hierarchisierenden Grenzziehungen zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit, Hausarbeit und Erwerbsstätigkeit, Frauen- und Männerdomänen zukommt, die mit Mitteln geschlechtlicher Arbeits- und Funktionsteilung und sexuierter Sozialordnungen aufrechterhalten und gleichzeig durch das Unterlaufen von postulierten Trennlinien im Interesse kapitalistischer Verwertungsstrategien durchlöchert werden.

Montag, 02. März, 19 Uhr,  Schneiderberg